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„In diesem Moment war ich wirklich übermannt von meinen Gefühlen.“

Heinrich Popow im Interview über die Präsenz von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft, seine Profisport-Karriere und die Rolle von Social Media.

Image Heinrich Popow Portrait

Mittwoch, 30. November 2022

Menschen mit Behinderung ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken – dafür riefen die Vereinten Nationen 1993 den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung ins Leben. Seitdem hat sich viel getan: Immer häufiger sind behinderte Menschen in Filmen und Serien zu sehen, erzielen Weltrekorde und zieren Cover von Modezeitschriften. Eine besondere Persönlichkeit ist Heinrich Popow. Er ist mehrfacher Paralympics Medaillengewinner, Welt- und Europameister und Vorbild für viele Para-SportlerInnen. Im Interview erzählt er von seiner Profisport-Karriere, der Teilnahme an der Tanzshow Let’s Dance und darüber, welche Rolle Social Media in der heutigen Zeit spielt.

Welche Bedeutung hat der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung für dich?

Ich tue mich mit einzelnen Tagen immer schwer, weil ich sie häufig vergesse. Ich lebe mehr im Moment. Mir wäre es lieber, wenn das Thema ‚Behinderung‘ keinen Extra-Tag bekommen müsste, sondern jeder Mensch an jedem Tag die Aufmerksamkeit erhielte, die er verdient: Also gegenseitiger Respekt und Verständnis in Form von Normalität. Man muss meiner Meinung nach nicht über Behinderung reden, weil sie einfach in der Gesellschaft akzeptiert ist. Trotzdem finde ich einen solchen Tag, der die Aufmerksamkeit auf ein solches Thema konzentriert, sehr wertvoll und wichtig. Da bin ich froh, wenn ich Nachrichten oder Projekte sehe, die Aufmerksamkeit für das Thema Behinderung schaffen.

Du warst lange Zeit Profisportler: mehrfacher Paralympics-Sieger, Welt- und Europameister. Heute bist du Mentor für NachwuchsathletInnen. Was war dein schönstes Erlebnis in deiner aktiven Sportlerkarriere?

Das war wohl die Befriedigung meines persönlichen Egos, zum Beispiel über erzielte Bestleistungen. Damit habe ich mir bestätigt, dass mich meine Behinderung nicht ausbremst und dass ich mich weiterentwickle. Die Goldmedaillen waren dabei gar nicht so entscheidend. Viele denken jetzt wahrscheinlich: „Oh wirklich?“ Tatsächlich fühlten sie sich gar nicht so gut an wie meine erste Bronzemedaille in Athen. Sie war so unerwartet und unbefangen. Bei der Goldmedaille war die komplette Aufmerksamkeit auf mich gerichtet, es wurde viel erwartet und der Druck war sehr hoch. Es war vom Gefühl her nicht so unbekümmert wie die Bronzemedaille. Aber wenn ich heute auf meine Medaillen schaue, haben sie nur einen geringen Stellenwert für mich. Was zählt, ist der Moment, als ich sie gewann.

Bei dem was ich jetzt tue, stehen ganz klar die Running Clinics gemeinsam mit Ottobock für mich an erster Stelle. Das erfüllt mich so sehr und ist für mich mehr als nur ein Job. Ich stehe morgens auf und weiß, dass ich die Möglichkeit habe, etwas zurückzugeben. Einen sehr prägenden Moment erlebte ich mit einem kleinen Jungen während der Running Clinics in Dubai. Er blieb plötzlich vor mir in einer Schockstarre stehen und schaute mich mit der Erkenntnis an, dass er wieder laufen kann. Dass der Junge etwas gemacht hatte, wovon er dachte, dass das niemals wieder möglich wäre. In diesem Moment war ich wirklich übermannt von meinen Gefühlen. Kinder liegen mir generell sehr am Herzen. Gerade, wenn ich auf meine Jugend schaue und wie schwierig sie war in Hinblick auf den Sportunterricht und meine Behinderung. Die Person zu sein, die ich heute bin, hat damit zu tun, dass ich die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen habe. Mein Vater sagte mir nach meinem ersten großen Erfolg in London: „Junge, ich bin stolz auf dich. Aber für mich hat das allen keinen Wert, wenn du vergisst, wo du herkommst.“ Dieses Zurückgeben ist daher sehr elementar für mich.

Wie führte dich dein Weg zu Ottobock?

Dass man als Prothesenträger Ottobock, als Weltmarkführer in der Prothetik, irgendwann mal begegnet, ist klar. Daher kannte ich das Unternehmen bereits seit meiner Amputation. Als paralympischer Sponsor ging ich dann immer in die Ottobock Werkstatt, wenn ich mit meinen Prothesen Probleme hatte. 2004 war ich dann dort und bemerkte, dass Ottobock eher die Werkstatt für andere Hersteller war, aber keine eigenen Sportprodukte besaß. Da war ich ziemlich geschockt. Das führte dazu, dass wir uns näher kennenlernten und ich 2007 zu Ottobock kam, um die ersten Sportprothesen mit zu entwickeln. Seitdem hat sich viel getan: Wir haben viele Sportprodukte herausgebracht und die Running Clinics weltweit etabliert.

Du bist auch gelernter Orthopädietechniker. Wie kam es zu der Entscheidung, diesen Beruf zu erlernen?

Ursprünglich bin ich sogar gelernter ITler und arbeitete parallel zu meinem Sport als IT- und System-Administrator. Als ich nach meiner ersten Goldmedaille 2012 in London zurück an meinem Arbeitsplatz war, fragte ich mich: Kann ich mich mit dem Beruf auch nach dem Sport noch so sehr identifizieren, um darin später in Vollzeit zu arbeiten? Nein, könnte ich nicht. Also schrieb ich meine Kündigung und suchte nach einer Beschäftigung, bei der ich all meine Erfahrungen einfließen lassen und etwas beitragen kann, um Lösungen zu entwickeln, die den Alltag von Menschen mit Behinderung künftig erleichtert.

Dann ging es wieder zur Berufsschule. Das hat sich schon komisch angefühlt. Aber zum Schluss habe ich sogar den besten Abschluss gemacht. Ich war sogar besser als Johannes Floors, der mit mir in einer Klasse war. Dabei habe ich die meiste Zeit bei ihm abgeschrieben (lacht).

Fiel dir der Abschied vom Profisport schwer?

Nein, ich hätte sogar zwei Jahre früher aufhören sollen – nach Rio. Aber dann kam 2017 Let’s Dance und das hat mich motiviert, noch weiterzumachen. Aber da war ich bereits über meinen Zenit hinaus. Zum Glück habe ich aber noch rechtzeitig den Absprung geschafft, sonst wäre das nicht gut ausgegangen. Gemäß dem Motto „Die eigene Legacy mit den Füßen treten“. Und als das alles endete, war ich wirklich froh. Ich habe 18 Jahre Leistungssport betrieben. Das ganze mediale Interesse, der Druck, all das wurde mir irgendwann zu viel. Ich würde es aber auch nicht missen wollen, sondern alles nochmal genauso machen.

Was motivierte dich denn, an der Tanzshow Let’s Dance mitzumachen?

RTL hatte mich mehrfach für das Format angefragt. Aber ich habe immer wieder abgesagt. Und warum? Weil ich Angst hatte davor, mich zu blamieren und aufgrund meiner Behinderung dem Format nicht gerecht zu werden. Oder sogar das Thema ‚Menschen mit Behinderung‘ ins Lächerliche zu ziehen. Aber dann dachte ich mir, ich dürfe dann auch niemandem mehr sagen, dass alles möglich wäre, wenn ich nicht mal selbst über meinen eigenen Schatten springen kann. Also entschied ich mich doch dafür.

Das Tolle an RTL war, dass sie mir die Möglichkeit gaben, das Tanzen auszuprobieren und nicht nur Quote machen wollten mit dem “Menschen mit der Behinderung”. Tatsächlich bekam ich auf Social Media sogar erst recht schlimme Nachrichten, weil ich im Fernsehen meine Prothese zeigte. Aber da stand RTL voll hinter mir.

Dein Auftritt fand 2017 statt. Seitdem hat sich die Medienlandschaft verändert. Wie siehst du das?

Für mein Empfinden wird die Diversity-Fahne derzeit beinahe aggressiv hochgehalten. Auch in den sozialen Medien. Die Frage ist, wie viel davon echt und ernst gemeint ist? Ich denke mir: Mache es, weil du wirklich dahinter stehst und nicht, weil du nur irgendwie Aufmerksamkeit willst. Das nimmt dem ganzen Thema sonst seine Wertigkeit. Und das fände ich sehr schlimm und überaus gefährlich. Ich bin aber froh, dass so gleichzeitig Berührungsängste abgebaut werden und sich die Leute mehr mit dem Thema Behinderung beschäftigen. Daher mein Wunsch: Weniger aggressiv und dafür mehr aus Überzeugung handeln.

Auch in den sozialen Medien sieht man, dass Menschen mit Behinderung stärker in die Öffentlichkeit treten; ihre Behinderung offen zeigen. Wie nimmst du das wahr: Ein Trend, mit dem Potenzial etwas zu verändern, oder eher Einzelfälle?

Meiner Meinung nach ist es ein ausgelöster Trend durch Einzelfälle. Ich war beispielsweise der Erste, der die sportliche Bewegung im Prothesenbereich angestoßen hat. Und heute haben wir Léon Schäfer, Johannes Floors oder Markus Rehm. Ich glaube fest daran, dass dieser Trend etwas verändern wird und hoffe, dass es positiv sein wird. Gerade habe ich eher das Gefühl, dass die Leute in ihren Rollen übertreiben und alles sehr extrem abläuft. Auf Social Media wird auf der einen Seite sehr viel Verständnis für die eigene Position erwartet und auf der anderen Seite wenig Verständnis für andere Meinungen gezeigt. So, als wäre es eine Einbahnstraße. Ich hoffe, dass sich dies noch wandelt und wir davon weg kommen.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien für dich? Wie nutzt du sie?

Während meiner Sportkarriere und Let’s Dance war es mehr. Aber aktuell eher weniger. Es wurde mir einfach alles zu bunt. Jetzt nutze ich Social Media, wenn ich auf etwas hinweisen oder etwas teilen möchte, was mir wichtig ist. Vielmehr verwende ich es aber, um mit anderen in den Austausch zu kommen. Das läuft alles im Hintergrund und ich teile es nicht öffentlich in meinem Feed.

Wie setzt du dich für Menschen mit Behinderung ein?

Das versuche ich über meine tägliche Arbeit und weniger medial. Hierbei gehe ich auch mehr über die praktische Ebene und den Sport. Zum Beispiel durch Hilfsmittelversorgungen, den 1:1 Austausch mit Anwendern, Physiotherapeuten oder auch Krankenhäuser.

Warum ist es so wichtig, Menschen mit Behinderung mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen? Empfindest Du deren öffentliche Präsenz als ausreichend?

Das ist immer situationsabhängig. Aktuell können wir von Menschen mit Behinderung viel lernen, etwa optimistisch zu sein oder wie man mit vermeintlichen Schicksalsschlägen umgeht, wie bei mir. Mit neun Jahren haben mir alle erzählt, was nach der Amputation alles nicht mehr möglich wäre. Nur einer – selbst amputiert - sagte mir, was ich noch alles machen kann. Daran habe ich mich gehalten und bin heute ein glücklicher Mensch. Unterschiedliche Problemlösungen darzustellen und Positivbeispiele zu geben. Das ist ein Mehrwert in der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung dafür eine Bühne zu geben finde ich wichtig.

Was hat sich in den letzten Jahren positiv verändert?

Die Akzeptanz in der Prothetik bzw. generell bei den Hilfsmitteln. Früher waren es diese schrecklichen „fleischfarbenen“ Beine, die man versteckt hat. Heute sind es Accessoires. Ich finde es toll, wenn sich Prothesenträger und Prothesenträgerinnen in den sozialen Medien mit ihrer Prothese identifizieren und sie dort in ihrer Mode einbinden, zum Beispiel passend zu ihrem Outfit. Das gibt all dem eine Leichtigkeit. Meiner Meinung nach muss sich auch dahingehend die Kultur wandeln: Weg vom Medizinischen und hin zur Normalität und Leichtigkeit im Umgang mit der Behinderung.

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was sollte sich ändern?

Ich kann das Wort Inklusion nicht leiden. Das Thema gibt Menschen mit Behinderung diesen Stempel, als ob man sich um sie kümmern müsste. Dabei sind wir schon Teil der Gesellschaft und mittendrin. Warum werden immer Probleme im Sinne der Inklusion diskutiert? Wie beispielsweise abgesenkte Bordsteine. Sie werden nicht nur für Rollstuhlfahrer gebaut, sondern auch für Eltern mit Kinderwagen. Daher wäre es mir wichtig, das Thema offener zu gestalten.

Zum Abschluss: Was empfiehlst du Betroffenen?

Dem Neuen mit Kinderaugen zu begegnen und offen zu sein. Vergleich ist das, was einen oft zurückhält. Es ist nicht einfach, sich mit der Behinderung auseinanderzusetzen und zu akzeptieren. Aber Akzeptanz funktioniert nur dann, wenn du sie verstehst. Und dafür musst du den Gedanken zulassen. Dafür ist Offenheit nötig. Kinder können das.

Ansprechpartnerin

Nadine Winter, Duale Studentin Unternehmenskommunikation
Public Relations Managerin

Nadine Winter